Mein leiblicher Vater ist tot.

Ich schreibe bewusst leiblich, weil ich wenig von ihm hatte.

(Das wird keine vorwurfsvolle Geschichte. Es geht um Versöhnung.)

Ich kannte ihn kaum.

Ein kleiner Rückblick:

Meine Eltern haben sich jung kennengelernt. Es war keine einfache Zeit. Denn mein Vater war zu diesem Zeitpunkt US Soldat und zudem auch noch schwarzer Hautfarbe.

Ich bin ein Wunschkind

Ich bin ein Wunschkind. Gott sei Dank sprang meine Mutter in Holland kurz vor der Abtreibung, zu der sie von meinem Opa getrieben wurde, noch vom Behandlungstisch.

Ich bin froh auf dieser Welt zu sein.

Danke Mama. ♥️

Alleinerziehend in den 70ern

Meine Eltern heirateten und ließen sich nach ein paar Monaten wieder scheiden.

Ab da erzog mich meine Mutter alleine. Nicht einfach. Geschieden. Halbschwarzes Kind. Wenig Geld.

Alimente?

Irgendwann ließ meine Mutter meinen leiblichen Vater suchen. Er wurde gefunden und musste dann Alimente zahlen.

Alimente, ja. Sonst kam nichts

Kein Kontakt. Kein Anruf. Kein Brief. Einfach nichts. Er hat sich nie gemeldet.

Warum meldet er sich nicht?

Habe ich mich als Kind oft gefragt. Es gab Tage, an denen war ich dann traurig .. wenn ich andere Väter mit ihren Kindern gesehen habe.

Eines Tages stand er vor mir.

In meiner Schule gab es eine jährliche Kirmes. Ich stand bei den Boxautos und plötzlich stand ein schwarzer Mann vor mir und sagte:

Hi Carmen. I am your father.

Ich rannte so schnell ich konnte zur nächsten Telefonzelle und rief meine Mutter an, dass sie schnell kommen müsse.

Kurzer Auftritt: Er war auf der Durchreise.

Und kam einfach mal so vorbei. Nach fast 9 Jahren. Wer macht sowas? Mein Vater macht sowas.

Danach wieder kein Kontakt… über Jahre…

1999: Ich wollte die doppelte Staatsbürgerschaft und nahm Kontakt zu ihm auf. Da lud er mich zu sich nach Tennessee für 4 Wochen ein.

Seine Welt: Autos Casino Lotterie.

Ich lernte meine Oma, Tanten, Onkel und Cousinen kennen. Und erfuhr von zwei weiteren Halbbrüdern.

Die Jahre zogen wieder ins Land mit wenig bis gar keinem Kontakt.

Nach diesen 4 Wochen hatten wir über die Jahre kaum Kontakt. Zwischenzeitlich hatte er 2 Schlaganfälle. Meine Stiefmutter informierte mich. Er konnte dann kurzfristig wieder seinen Alltagsangelegenheiten und Hobbys nachgehen.

Das kränkte mich.

Jahrelang rief er grundsätzlich einen Tag vor meinem Geburtstag an. Den Geburtstag, das Datum, der Tochter zu vergessen. Das war schlimm für mich. Ich hob nie den Hörer ab.

Über FB hielt meine Stiefmutter Kontakt zu mir. Ab und an.

Jetzt ist mein Vater tot.

Und ich weiß nicht, was ich fühle. Er war nicht präsent in meinem Alltagsleben. Ich kann ihn deshalb nicht vermissen. Es gab keine Regelmäßigkeit. Keine verbindenden Gespräche oder sonstige Verbindungen. Wir waren fast wie Fremde.

Er ist ein Teil von mir, denn ohne ihn wäre ich nicht auf dieser Welt. Dafür bin ich ihm dankbar. Thank you, Dad.

Die Versöhnung

Seine Schwester kontaktierte mich kurz nach seinem Ableben. Es kam zum Video Chat. Dieses Wiedersehen nach über 20 Jahren war sehr angenehm für mich. Sie ging mit mir um, als wenn wir uns regelmäßig sehen würden. Für sie bin ich einfach eine ihrer Nichten. So hätte ich mich auch verhalten.

Familie ist nun mal Familie.

Ich bin nun versöhnt. Das fühlt sich gut an.

R.I.P.

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